Szeneviertel in Vilnius

Eine alternative (Kunst-)Szene scheint für viele Bewohner von Vilnius geeignet zu sein, die zahlreichen Probleme der Stadt zu lösen. Ob Flucht aus der aktuellen Wirklichkeit und Kreation einer neuen Wirklichkeit: das Zentrum alternativer Aktivitäten in Vilnius ist  Užupis, ein Stadtteil, der sich zur unabhängigen Republik erklärt hat. Užupis hat einen Präsidenten, einen Außenminister, zahlreiche Botschafter und eine eigene Verfassung. Regierungssitz und Parlamentsgebäude ist das Café Užupio Kavinė. Einst hatte die Republik sogar eine Armee von 12 Soldaten. Aus Mangel an Feinden wurde die dann allerdings aufgelöst.

Das Bahnhofsviertel folgt auf dem Fuße

Zahlreiche andere Viertel der Stadt versuchen, dem Beispiel  Užupis zu folgen und eine alternative Künstlerszene an sich zu ziehen. In der Nähe des Bahnhofs hat man als Symbol für die alternative Gesinnung ein Ei auf einer Säule errichtet. Das Ei stammt vom Haus- und Hofkünstler der Republik Užupis, Romas Vilčiauskas. Der sollte einen Engel als Wahrzeichen im Zentrum der Republik auf eine Säule postieren. Als man den Engel erwartete, fand man nur das Ei. Der Künstler verteidigte sich, ihm habe die Inspiration gefehlt. Er werde den Engel nachliefern. Das tat er auch und das Ei landete in der Nähe des Bahnhofsviertels, sozusagen als Außenposten der Užupier. Von Vilčiauskas stammt auch die Nixe im Flussbett am Eingang der Republik. Ob jetzt Engel, Nixe oder sogar das Ei das wahre Wahrzeichen ist, kann sich der Besucher wohl selbst auswählen.

Das Bahnhofsviertel scheint mehr amerikanischen Vorbildern oder sehr etablierten Versatzstücken von avantgardistischer Gestaltung zu folgen. Der alternative Weihnachtsmarkt, vegan und kommerziell, ohne große Originalität folgte weniger alternativen als Mainstream-Trends aus dem Westen. Auch die Figur des Tony Soprano auf dem Verladebahnsteig mit einer Holzpaletten-Bar im Hintergrund zeugt nicht unbedingt von osteueropäischer Originalität. Doch im Stadtviertel gibt es viel zu sehen. Der „große Haken“ (Kablys) ist ein ehemaliges Klubhaus der Bahnangestellten. Dort gibt es jetzt Bars, Studios und ein Bed&Breakfast. Den großen Haken hat man an das Haus gebaut, um zu zeigen, dass die sowjetischen Klubhaus-Zeiten vorbei sind. Noch sehenswert im Viertel: die Markthalle (mit einem Spezialverkauf für russische Medikamente), der gemeinsame Joint von Putin und Trump und etwas weiter weg das jüdische Museum (sehenswert! – Gute Mischung von Kunst und Geschichte) und das Museum der modernen Kunst (auch gut, aber muss man mögen).

Leben an der Vilnia

Die alternative Kultur von Užupis ist einen Mischung aus Originalität, zur Schau getragener Lockerheit und gedankliche Hilflosigkeit. Ein guter Spiegel dieser Haltung ist die Verfassung. Die inhaltliche Qualität des ersten Paragraphen der die Rechte von Bewohner und Fluss klärt, wird leider nicht durchgehalten: „Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.“ Danach kommen so nichtssagende Dinge wie: Jeder Mensch hat das Recht glücklich zu sein. Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein, die Rechte von Katzen und Hunden und so weiter. Die touristische Popularität des Stadtteils hat die Preise für Immobilien explodieren lassen und die Gentrifizierung eingeleitet. Ein Großteil der Wohnungen ist schon fest in der Verfügung von Airbnb.

Der wahre Genozid

An die grausame Vergangenheit des Stadtteils möchte niemand erinnern: Užupis, was einfach „jenseits des Flusses“ heißt, war einst ein Stadtviertel, das vor allem von Juden (Ende des 19. Jahrhunderts: 40% der Bevölkerung) bewohnt war. Vilnius vor allem eine jüdische Stadt. Litauisch sprachen nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung. 1939 waren es immer noch etwa 28 Prozent Juden, während die Stadt stärker von Polen besiedelt wurde. In der Zeit der deutschen Besetzung wurde das „Judenproblem“ auf überaus grausame Weise gelöst: Man sparte sich den Abtransport in eines der deutschen Konzentrationslager und erschoss die Juden gleich an Ort und Stelle. Dabei waren es nicht immer Deutsche die sich dabei die Finger schmutzig gemacht haben, sondern auch von ihnen rekrutierte Litauer, die ihre etwa 200 000 Landsleute auf diese Weise praktisch ausrotteten. Mitglieder der Litauischen Aktivistenfront begannen sogar schon vor dem Eintreffen der Deutschen mit dem Judenmord. In Vilnius gibt es ein Museum der Opfer des Genozid, das überhaupt nicht von einem Genozid sondern von Deportationen in Sowjet-Zeiten handelt. Irgendwem ist das aufgefallen und man nennt sich selbst inzwischen „Museum der Okkupation und des Freiheitskampfes“. In der Wikipedia und in allen Stadtführern steht noch der alte Name. Die Ausstellung bezieht sich vor allem auf die Deportierung von Litauern durch die Sowjetarmee. Das grausamste Kapitel der Stadt, das wirklich mit Genozid zu tun hat, wird dort kaum erwähnt. Von etwa vierzig Ausstellungsräumen beschäftigt sich nur ein einziger damit. Mehr Aufklärung hierzu findet man im Jüdischen Museum (Vilna Gaon State Jewish Museum, Naugarduko st. 10/2, LT 01309 Vilnius, http://www.jmuseum.lt). Es gibt eine ausführliche Geschichte des Judentums in Vilnius bis zur Zeit der deutschen Okkupation. Okkupation ist hierbei vielleicht nicht unbedingt das richtige Wort, die Litauer waren immer sehr deutschenfreundlich.
Aber auch hier gewinnt der hier sehr verbreitete litauische Nationalismus und Russenhass gelegentlich Oberhand . Der verlinkte Beitrag erwähnt ein alternatives Museum des Holocaust in Vilnius, das so genannte Green House in der Pamenkalnio 12, Vilnius 01114, das dieses „Greywashing“ in der Geschichte von Vilnius wohl nicht mitmacht.

Die litauische Christiania?

Užupis wird häufig mit der Republik Christiania in Kopenhagen verglichen. Es gibt aber deutliche Unterschiede. Die Christiania steht im ständigen Streit mit Stadtverwaltung und dänischer Regierung, weil sie sich rechtlich dem Land nicht zugehörig fühlt und weil dort angeblich jede Menge Marihuana-Zigaretten verkauft werden. Užupis wird in Vilnius offiziell eher liebevoll toleriert. Man weiß, dass die Republik dafür sorgt, dass mehr und mehr Touristen in die Stadt kommen. Was auch fehlt, sind die „gehaltvollen“ Rauchschwaden, die in der Kopenhagener Kommune allenthalben durch die Straßen wehen. Užupis ist auch nicht wie die Christiania nach allen Seiten gesichert. Man kann über andere Brücken und Wege in den Stadtteil kommen, ohne überhaupt zu merken, dass man die Republik betritt. Vielleicht hat man aber doch nach Kopenhagen geschielt, als man eine Nixe zu einem der Wahrzeichen der Republik gemacht hat.

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