Dubliner Geist: Literaten, Trinker und Heilige in der irischen Hauptstadt

Dublin wurde in seiner Geschichte regelmäßig von allen ‚guten Geistern’ verlassen. Weder James Joyce noch Oscar Wilde oder Samuel Beckett hielten es hier lange aus. Sie ließen sich am renommierten Trinity-College ausbilden und flüchteten wie viele andere Iren in jungen Jahren aus Stadt und Land. Als guter Ire Irland den Rücken zu kehren war über viele Jahre geradezu ein Erfolgsrezept. Und dabei der Heimat im Geiste treu bleiben war schick. Ganz im Gegensatz zu den früheren Zeiten fehlt es der Stadt heute weder an Zuwanderern noch an Besuchern. Dublin ist auf Hochglanz poliert. Die ehemals alten ärmlichen Straßen sind vollsaniert und mit recht teuren Hotels und Restaurants ausgestattet. Die irische Hauptstadt ist sich ihrer Reize als Mekka der Guinness-Liebhaber, als eine der bedeutendsten Literatur-Hauptstädte Europas und als Hort der Römisch-Katholischen Kirche des Landes bewusst.
Sowohl die Religiosität als auch die literarische Tradition waren im vergangenen Jahrhundert  Gegenstand beständiger Kontroverse. Geliebt hat man die literarischen Exilanten nie so recht. Ein Teil der Ablehnung der Iren gegenüber Joyce ging darauf zurück, dass er ihren pragmatischen Umgang mit der Religion schonungslos illustriert. – Im Ulysses besucht Stephen, alter ego von Joyce selbst, seinen Onkel. Der attestiert seinem Neffen eine tiefe Religiosität: „Du warst ausnehmend heilig. Du hast zur Gesegneten Jungfrau gebetet, dass du keine rote Nase bekommst. Du hast in der Serpentine Avenue zum Teufel gebetet, dass die kleine Witwe vor dir ihre Röcke noch etwas höher heben möchte, wegen der nassen Straße.“

Kirche wird zum Szenerestaurant

Auch der Umgang der Dubliner mit den Gotteshäusern spricht Bände: Als die architektonisch reizvolle Kirche St. Andrews ab 1995 zum Dubliner Fremdenverkehrsamt umgebaut wurde, war die Gemeinde des im Zentrum gelegene Gotteshauses auf zwei Mitglieder zusammengeschmolzen. Aber nicht nur für Beratung und Buchung sondern auch für Bier und Bohneneintopf kann man in Dublin in die Kirche gehen. Auf der anderen Seite des Liffey-Flusses gibt es ein beliebtes Restaurant, das einem vormaligen Gotteshaus untergebracht ist. In der Mitte des Kirchenschiffs thront ein bunt beleuchteter Tresen, der von einer gut besuchten Bar umgeben ist. Auf der Empore befinden sich die eingedeckten Tische, die für mehrgängige Menüs ausgelegt sind. Die Stimmung der Andacht ist dort feuchtfröhlichen Freuden gewichen. „Die Kirche“ kann sich vor Besuchern kaum retten. Und für die Iren ist es kein Problem, wenn die zugehörige Internet-Domain „Die Kirche“ (www.thechurch.ie) von einer Kneipe besessen wird. Wer zudem seine Beichte am liebsten bei einem Guinness ablegt, muss von ‚der Kirche’ aus ein paar Schritte Richtung Osten laufen. In einer Nebenstraße trifft er dort auf den ganz in Schwarz gehaltenen „Beichtstuhl“ (confession box), einem Pub, in dem man in entspannter Atmosphäre seine Sünden bekennen kann. Das „Bete und arbeite“ (ora et labora), die Lebensformel der Benediktinermönche würde in Dublin wohl eher „Bete und trinke“ (ora et bibe) heißen.

Jameson und Guinness vor Joyce und Goldsmith

Die Präferenzen der Touristen, was die Formen der Spiritualität angeht, sind sehr eindeutig: Während man in den Literaturmuseen in leeren Räumen vereinzelte Schöngeister antrifft und die Kirchen von gelangweilten Pflichtbesuchern, die sich aus den bunten Reisebussen ergießen, durchwandert werden, bilden sich lange Schlangen vor dem Besucher-Einlass der Guinness-Brauerei und der Jameson-Distillery. Dabei tut das Fremdenverkehrsamt von Dublin alles, um die literarische Tradition der Stadt bekannt zu machen. Es gibt einen detaillierten ‚literarischen Stadtplan’, der die Traditions-Orte, die an Dubliner Schriftsteller erinnern, aufführt. Eine Trinker-Guide im eigentlichen Sinne gibt es dagegen nicht. Hier vertraut man, und dies mit großem Erfolg, auf den Instinkt der Besucher.

Saufen in der Cloud

Der Stadtteil Temple Bar ist das Partyviertel von Dublin und autorisierte Verwertungsmeile der Guinness Factory. Die meisten Pubs sind in Guinness-Farben gehalten. Jede der wohl an die hundert Bars ist des Abends gedrängt voll. Am vollsten ist der Namensgeber „Temple Bar“. Irgendein Reiseführer schreibt: „Natürlich sind das alles Touristen! So what? Gehen Sie rein und erleben Sie den Wahnsinn!“ Berührungsängste darf man hier nicht haben. Die Besucher stehen dicht gedrängt. „Saufen in der Cloud“, erklärt mir mein Nachbar, sei der passende Ausdruck dafür.
Die meisten Pubs haben Live-Musik. Und um es vorweg zu nehmen: Wer „Dirty Old Town“ nicht mehr hören kann, hat hier sehr schlechte Karten. Obwohl ursprünglich für eine andere Stadt geschrieben, ist der Song hier zu einer Art Nationalhymne geworden. Vielleicht, weil er durch die „Dubliner“ bekannt geworden ist. Mag auch sein, dass die irische Exilband Pogues daran schuld ist. Letzteres würde den Eindruck bestärken, dass Iren nur im Ausland wirklich erfolgreich sind. Der Song trifft jedenfalls den Nerv der Party-Szene und wird meist lauthals mitgegrölt. Wer ihn also absolut nicht mehr hören kann, der hat nur die Alternative wegzubleiben oder es der U2-Legende Bono nachzutun. Der kaufte seine Stammkneipe, zusammen mit dem ganzen Haus, und bestimmt fortan selbst, was dort gespielt wird.
Alkohol und Literatur sind in Irland seit je eng verbunden. Der Tag, der den ursprünglich mit Misstrauen betrachteten James Joyce in Irland populär machte, Bloomsday am 16. Juni, geriet schon bei seiner Einführung, 1927, zu einer exzessiven Sauforgie. Und von Joyce’s Held Stephen, der übrigens im Ulysses kein Held mehr sein will, wird behauptet, dass er eine ganz besondere Interpretation von Shakespeares Hamlet habe. Diese wird er aber, so sein Freund Buck Mulligan, nicht offenbaren, bevor er nicht seine „heiligen drei Pint Guinness“ getrunken hat.
Lars Göhler

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