Albanien-Report 1: Berat

 

Blick über Berat

Blick über Berat und den Fluss Osum

Berat ist das Schmuckstück Albaniens. Die Stadt liegt im Tal und kleine, ein- und zweistöckige Häuser mit großen Fenstern schmiegen sich beiderseits des Flusses Osum an den Berg. Über der Stadt thront eine Burg, die, so wollen es die Beratis (oder Berater?), auf illyrische Zeiten, Jahrhunderte vor der Zeitenwende zurückgeht. Illyrien gilt als Urland der Albaner. Im Museum für nationale Geschichte in Tirana heißt es, dass die Albaner zu den wenigen reinrassigen Europäern gehören. Nur in der Kosova hätten sie sich mit den Slawen vermischt. Die Namen jedenfalls, die sie den Festungsteilen gegeben haben, eher griechisch: Der obere Teil der Burg ist die Akropolis. Die Burg ist bewohnt und innerhalb befinden sich die Kirche des heiligen Theodor (Shën Todrit) und eine orthodoxe Dreifaltigkeitskirche (Shën Triadhës). Von einem Plateau aus hat man einen atemberaubenden Panorama-Blick über die gesamte Stadt.

Das Ethnografische Museum, das auf halben Wege zur Burg liegt, ist ein prächtiges altes Bürgerhaus mit gemütlich ausgestatteten Wohn- und Schlafzimmern. Diese haben durchgehende Sitz- und Liegebänke an alle Außenseiten, die zur Siesta mit einem Kaffee und einem Obstsalat einladen würden, hätten sie nicht hier ihre museale Würde. Die riesige Veranda, die mit einem von alten, krummen Balken gestützten Dach vor der Sonne geschützt ist, bietet selbst in der Mittagshitze eine angenehm kühle Atmosphäre. Amphoren und ein steinerner Torbogen im Garten sollen die illyrische Tradition wachrufen. Tomor, der Gärtner, ist zugleich unser Zimmerwirt. Er beschneidet gerade die Blumenrabatten, die sich an der Mauer entlangziehen und strahlt, als er uns sieht.

Das mittelalterliche Viertel von Berat beherbergt die Königsmoschee (Xhamia Mbret). In ihren Kuppeln sind in kalligraphischen Schriftzügen Koran-Zitate und die zahlreichen Namen von Allah und Mohammed eingeschrieben. Der Hintergrund und die Empore sind mit Holzgittern versehen, durch die die Frauen den Gottesdienst verfolgen können. Ein Muezzin ruft gerade das Mittagsgebet über den Lautsprecher aus, so dass es in der ganzen Stadt widerhallt. Als er damit fertig ist, begrüßt er uns, übersetzt die arabischen Schriftzüge und beschreibt die Sehenswürdigkeiten der Moschee. Wo kommen Sie her? Fragt er und als wir uns als Deutsche zu erkennen geben, hebt er die Augenbrauen und bekennt: „Eines Tages würde ich auch gern Deutschland besuchen.“ Viele seiner Gemeinde-Mitglieder sind schon dort gewesen. Deutschland ist das neue Mekka der Albaner. Er erzählt uns, dass die Einwohner von Berat zu 75 Prozent aus Moslems bestehen. Vielen von ihnen ist dies aber nicht mehr bewusst. „In fünfzig Jahren kommunistischer Herrschaft ist ihnen der Glauben an Allah und der Umgang mit den religiösen Riten abhanden gekommen. Vielleicht kommen sie ja irgendwann in Gottes Hände zurück.“

Der Derwisch-Tempel des Sufi-Ordens Halveti (Teqeja Helvetie) neben der Moschee hat eine rechteckige Empore, die mit roten Holzkacheln versehen ist. In den Simsen der farbigen kunstvoll aus Holz geschnitzten goldverzierten Decke finden sich Koran-Zitate und heilige Texte. Der Garten der mittelalterlichen Szenerie ist an einer dritten Seite begrenzt durch ein zweistöckiges Gästehaus mit offenen Fluren zum Garten hin.

Unser Zimmer in Berat befindet sich im Stadtteil Mangale in einem der historischen Häuser, die sich an den Berg schmiegen, direkt hinter einer Moschee. Abends hören wir die Gesänge der Gläubigen, die hier nicht mit dem Lautsprecher verstärkt werden. Wir haben ein traditionelles Gästezimmer einem klimatisierten, mit Fernseher ausgestatteten Hotelzimmer vorgezogen. Eine Klima-Anlage braucht es nicht. Das Haus ist so in den Berg hineingebaut, dass es Tag und Nacht etwa die gleiche angenehme kühle Temperatur hält.

Bei unserer Ankunft in der Stadt wirken die Straßen menschenleer. Die Stadt scheint verlassen. Doch in den Abendstunden ändert sich das vollständig, es kommt nachgerade zu einem Massenauflauf. Es ist unfassbar, dass in den wenigen Häusern so viele Menschen leben wie des Abends dort zugange sind. Der traditionelle Abendspaziergang, Xhiro, findet so zwischen 19.00 Uhr bis 22:00 Uhr statt: die Leute laufen die Hauptstraße auf und ab und genießen ihr Zusammensein, darüber hinaus vielleicht ein paar geröstete Maiskolben oder ein kurzes Gespräch. Gern unterhalten sie sich auch mit den Touristen. Wenn wir das Herkunftsland Deutschland nennen, bekennen sie sich zumeist unumwunden als Bayern-München-Fan. Der Auflauf verschwindet genauso schnell, wie er gekommen ist. Spätestens um 23:00 Uhr sind die Straßen wieder völlig leergefegt.

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